Editorial des Cannes-Sterns 2007:

Vor 30 Jahren rief mich ein älterer Kollege an, der schon recht erfolgreich im Job war. Er sagte mir, dass er zum Werbefestival nach Cannes wollte und dort schon eine Suite mit Meerblick gebucht hätte, aber leider verhindert sei. Ob ich Lust hätte? Ich hatte.

Ich war damals Juniortexter und hatte noch nie etwas von einem Werbefestival in Cannes gehört, aber das Angebot klang einfach zu verlockend. Im Laderaum des VW-Busses einer Produktionsgesellschaft ging es nach Cannes, wo ich im ersten Haus am Platz, im Carlton, eine der geilsten Wochen meines Lebens verbrachte – bis zu dem Moment am letzten Tag, wo mir klar wurde, dass das großzügige Angebot von meinem Kollegen nur die Buchung, aber nicht die Übernahme der Kosten beinhaltete. Ich musste mit meiner Bank sprechen und zahlte ein halbes Jahr den Kredit für meine erste Cannes-Teilnahme zurück.

Dennoch war es die beste Investition in meine Karriere, die ich je gemacht habe. Denn ich lernte in dieser einen Woche Wichtigeres als in der ganzen Zeit davor und danach. Ich lernte, dass mein Beruf Leidenschaft bedeuten kann – was mir bis dahin völlig unklar war, weil ich immer nur bemüht war, die mir aufgetragenen Jobs bis 18 Uhr abzuliefern. Ich lernte, dass gute Ideen eine enorme Kraft haben – unter anderem die Kraft, Tausende von Menschen vom Strand fernzuhalten und in den dunklen Festival-Betonklotz zu locken. Natürlich lernte ich auch, dass ich von kreativer Werbung überhaupt keine Ahnung hatte und der Weg zum ersten eigenen Löwen noch sehr, sehr lang sein sollte. Und am letzten Tag lernte ich dann eben eindrucksvoll, dass schlechte Kommunikation sauteuer sein kann.

Dieses Jahr war ich wieder da und konnte feststellen: Cannes hat enorm an Gewicht gewonnen. Was einst ein reines Werbefilmfestival war, wo Werbefilmproduzenten Hof hielten, ist längst zum Mekka der gesamten Kommunikationsbranche geworden, das Produzenten, die weltweite Agenturszene und auch immer mehr Auftraggeber aus der Industrie anzieht.

Wo einst nur Filme und TV-Spots ausgezeichnet wurden, geht es heute ums Ganze – von Print über Media bis Online. Mit dem Titanium-Award werden außerdem noch medienunabhängige Marketingideen ausgezeichnet. Wo es einst nur darum ging, Löwen in Bronze, Silber und Gold zu verleihen, ist Cannes heute ein ernsthafter Kongress voller Workshops, Seminare und Vorträge geworden. Diesmal sprachen unter anderem Al Gore und Sir Bobby Charlton.

Wenn Awardshows die Generatoren sind, mit denen wir Kreativen unsere Batterien aufladen, ist Cannes ein ganzes E-Werk. Mit beeindruckender Kraft erhalten wir dort unseren wichtigsten Glauben zurück: den Glauben an das ewig Neue. Ein Glaube, der uns im Tunnel des Alltags immer wieder mal abhanden kommt und uns in den lähmenden Zweifel stürzt: Gibt es überhaupt noch neue Ideen? Cannes beweist pünktlich jedes Jahr: Ja, zuhauf! Hier in diesem Heft findet Ihr sie.

Jean-Remy von Matt

 

 







 
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